Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

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Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

Beitragvon Susanne75 » Sonntag 4. Oktober 2009, 17:17

Hallo,

einen Monat ist es nun her, daß wir unseren Sohn Nicolai hergeben mußten und bei Freunden und Verwandten ist wieder der Alltag eingezogen. Anders bei uns. Wir sind immer noch unendlich traurig. Mein Mann zwingt sich zwar jeden Tag für einige Stunden in sein Büro und versucht seine Arbeit zu machen, aber das ganze funktioniert mehr schlecht als recht. Ich selbst habe das Gefühl, daß es bei mir eher schlechter als besser wird. Und das, obwohl wir eine Selbsthilfegruppe besuchen und ich an dem Rückbildungskurs "Leere Wiege" teilnehme.
Am meisten verletzen mich die Sprüche meiner Umwelt, auch wenn sie gutgemeint sind. "Ihr seid noch jung, Ihr könnt noch so viele Kinder haben" "Wie schlimm ist das erst, wenn das Kind schon älter war" etc.. Selbst meine eigene Mutter läßt mich durch die Blume wissen, daß ich mich zu sehr reinsteigere und festbeiße. :cry:
Ich hab im folgenden mal meine Gedanken und Gefühle aufgeschrieben. Am liebsten würde ich das ganze vervielfältigen und an die Menschen, die ich kenne, verteilen. Vielleicht verstehen sie mich dann etwas besser.

Die Wünsche einer Mutter

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, dass mein Sohn, auch wenn er noch sehr klein, ein richtiger, vollkommener Mensch war.

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, dass er, wie jeder andere Mensch auch, ein Recht auf Wertschätzung hat.

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, dass ich niemals vergessen kann.

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, dass mein Leben jetzt ein anderes ist, dass es das “Gestern” nie mehr geben wird.

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, dass jeder anders trauert und Trauer nicht nach einer vorgegebenen Zeit abgeschlossen sein kann.

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, wie sehr manche Eurer Aussagen mein Kind und mich beleidigen und verletzen.

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, warum Ihr Euch jeden Tag über Eure Kinder freuen und Euer Glück niemals als selbstverständlich betrachten solltet.

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, dass mein Schmerz niemals enden wird.

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, welche unendliche Liebe ich für meinen Sohn empfinde.

Ich wünschte, Ihr würdet verstehen, wie es ist, die Mutter eines toten Kindes zu sein.


Danke, daß man auf dieser Seite immer seine Gefühle äußern kann und Unterstützung bekommt.

Liebe und leise Grüße

Eure Susanne
Susanne, mit Nicolai (*04.09.2009 +04.09.2009) und "Fünkchen" (das nur ganz kurz vorbeigeschaut hat und uns durch seinen Besuch Hoffnung schenkte) für immer im Herzen, Frank an meiner Seite und Laura endlich ganz fest auf dem Arm.
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Re: Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

Beitragvon sanne » Sonntag 4. Oktober 2009, 22:42

Liebe Susanne,
wie du es schreibst... man hat das Gefühl, man steht neben dir und ich würde dich einfach gerne in den Arm nehmen >>> <<< und einfach mit dir weinen, um unsere Kinder... um Nicolai der jetzt in deinem Bauch sein müsste und nicht im Himmel, es ist so traurig und ungerecht und du hast so Recht. Du hast jedes "Recht" deine Trauer so wie und so lange du willst zu leben und diese auch zu zeigen! Es ist doch noch ganz frisch und andere sollten das doch verstehen... vielleicht solltest du es wirklich tun; ich meine es kopieren und an die Menschen die Dir wichtig sind verteilen, vielleicht verstehen sie dich wirklich besser?
Die meisten wissen einfach nicht was sie tun oder sagen sollen und besonders die eigene Mutter versucht "stark" zu sein. Bei meiner Mutter war es ähnlich, ich dachte sie hat gar keine Gefühle... doch es hat ein paar Jahre gedauert bis wir wirklich darüber reden konnten. Ich fand es sehr traurig das niemand etwas an Hannes jahrestag etwas zu mir gesagt hat und habe erst am 3 Geb und Todestag erfahren das sie jedes jahr eine Kerze im Dom angezündet hat. Sie hat ihn nicht vergessen, aber sie konnte auch nicht mit mir reden...
Wie du geschrieben hast, der Schmerz endet nie! Bei mir ist es jetzt fast 5 Jahre her, es vergeht kein Tag an dem ich nicht an Hannes denke, er ist da, wenn ich einschlafe und wenn ich aufwache, der Schmerz ist nicht mehr ganz so schmerzhaft, dieser Schmerz ist eine Sehnsucht an die ich mit viel Liebe denke und die zu mir gehört genau wie die Augenblicke und Momente wo plötzlich die Tränen kommen, manchmal auch zu unpassenden Gelegenheiten, aber das bin ich jetzt, wie du treffend sagst, es gibt kein >gestern< mehr...
aber ich wünsche dir von Herzen das es für Dich wieder ein Morgen geben wird.
traurige, müde Grüße sanne
Sanne, mit Hannes (geb und gest. 28.12.04)im Herzen,
Babychen (23.12/06) das uns in der 9.Woche verlassen hat
Björn, Robin und Katja bei mir im Leben, Frank an meiner Seite und Lilli an der Hand!
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Re: Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

Beitragvon sabine » Montag 5. Oktober 2009, 07:13

Hallo Susanne,

ich kann eigentlich gar nix dazuschreiben! Habe Tränen in den Augen und möchte Dich am liebsten ganz fest drücken und Dir sagen daß ich jeden Deiner Sätze zu gut verstehe! :cry:

Aber Menschen, denen das glücklicherweise noch nie passiert ist, können Dir nur ganz schwer nachfühlen!

Und sogar ich hab mir öfter mal gedacht, ich darf mich nicht so reinsteigern! Manchmal denke ich, es ist zum Eigenschutz! Wie wenn es mir gar nicht passiert wär sondern ich nur Zuschauer war! Und dann geh ich am Bild von Lukas vorbei (der ja der einzige war, den ich sehen konnte) und mir wird so schmerzhaft bewußt was ich verloren habe!

Ich schicke Dir Kraft so gut ich kann!!!

Ganz liebe Grüße
Sabine
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Re: Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

Beitragvon Conni » Montag 5. Oktober 2009, 07:28

Liebe Susanne,

ich stelle mich zu Sanne und Sabine
und würde dich am liebsten in den Arm nehmen.

Du steigerst dich nicht in deine Trauer,
du trauerst!

Es ist doch gerade erst ein Monat vergangen...

Die ... Sprüche,
die wohl "trösten sollen",
aber so furchtbar verletzend sind,
kenne ich auch :-(.

Nimm deine Wünsche und veröffentliche sie!
Druck sie aus und gib sie den Menschen in die Hand...

Und wenn dir das zu "nah" ist,
kann ich sie auch
unter deinem Namen oder einem Pseudonym
auf die *Muschel*-Homepage setzen.

Mach das,
was dir gut tut.
Das ist jetzt wichtig.

Liebe Grüße "aus" der Nordsee von Conni
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Re: Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

Beitragvon Conni29 » Montag 5. Oktober 2009, 15:52

Liebe Susanne,

ih kann mich nur zu gut daran erinnern, wie es mir nach einem Monat ging. Auch ich hatte das Gefühl, dass ich noch mehr leide als zuvor. Vielleicht ist das die Zeit, die nötig war, um alles zu begreifen. Zu begreifen, dass wir in freudiger Erwartung waren, dass unserer Träume, Wünsche und Hoffnungen nun so je zerplatzt sind. Zu begreifen, dass wir Mütter sind und doch nicht so sein dürfen, wie andere Mütter. Zu begreifen, dass wir ein Kind haben, dass wir nicht oder kaum kennenlernen konnten, nie in den Arm nehmen dürfen, es nie weinen oder lachen hören werden
Zu Anfang geht es vielleicht darum, den Körper zu schonen und ihn auf Vordermann zu bringen und erst dann können wir uns um unsere Seele kümmern. Es wird immer Tage geben, an denen es besser geht und welche, an denen es schlechter geht. Haltet zusammen, dann schafft ihr das. Eure SHG ist da ein guter Weg.
Auch meine Mutter hatte Probleme mit meiner Situation. Wir haben uns einmal fast gestritten, weil ich am Montag Morgen vor der Arbeit entschied, doch noch nicht arbeiten zu gehen. Immer dieser Spruch: Arbeiten lenkt ab. Leider nicht bei meiner Arbeit, wo ich am Schreibtisch Unterricht vorbereiten soll. Da schweifen die Gedanken gern mal ab. Körperliche Arbeit hingegen half wirklich, aber nicht, weil sie ablenkte, sondern weil ich meine Gefühle in Aktion umwandeln konnte. Nur nach und nach merke ich meiner Mutter und den Verwandten an, wie sie fühlten und jetzt denken und fühlen. Das ist schade. Aber ich vermute, dass sie nicht nur Probleme mit ihren Gefühlen haben, sondern auch damit, wie sie uns gegenüber damit umgehen sollen.
Mittlerweile kann ich offen darüber reden, nennen unsere Tochter auch beim Namen und sagen nicht immer nur "die Fehlgeburt". Ich hoffe, dass signalisiert, dass sie genauso offen mit mir umgehen können.

Ich denke, auf jeden Fall, solltest du dich nicht wegen dieser "Sprüche" zurückhalten. Tu, wonach dir ist. Das hat mir in der Trauer geholfen. Du darfst den anderen auch etwas zumuten. Nimm nicht nur Rücksicht auf sie.

Liebe Grüße
Conni
mit Vivien und Sternchen im Herzen und Finley auf dem Arm
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Re: Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

Beitragvon Sandra2 » Montag 5. Oktober 2009, 18:31

Liebe Susanne,

ich danke dir für deine Worte - "die Wünsche einer Mutter".
Du hast so recht!! Unser Kinder waren klein, aber absolut vollständig und um diese Wertschätzung kämpfe ich heute noch.

Es ist erst ein einziger Monat vergangen und du "beisst" dich nicht fest - sondern trauerst.... - lass diese Traurigkeit auch aus dir heraus.
Ich weine mit dir um unsere Kinder und wünsche dir, dass du deiner Mutter nicht böse bist. Ich glaube sie kann damit einfach nicht umgehen - obwohl das für dich jetzt sicher nicht viel Trost ist.

Ich habe mir hier in der Muschel und in meiner SHG und mit betroffenen Frauen das nötige Verständis geholt und habe mit meinem Umfeld nicht so viel gesprochen - weil ich mir eben diese Texte ersparen wollte.
Ich denke jeden Tag an mein Kind - es vergeht kein Tag, manchmal ist es okay und machmal kommen mir die Tränen, so ist es eben, unsere Kinder sind fest in unserem Herzen verankert und wir lieben sie.
Sie haben uns Leben auf den "Kopf gestellt" - so klein sie auch waren.... .

Viele liebe und stille Grüße,
Sandra
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Re: Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

Beitragvon Isabella » Dienstag 6. Oktober 2009, 12:27

Hallo liebe Susanne!

Mensch, Du sprichst mir so aus der Seele.
Ich verstehe so gut, dass der "Alltag" nicht einfach weitergehen kann.
Denn der Alltag, der vorher da war, existiert eben gar nicht mehr.
- Wie Du schreibst, "ein Gestern wird's nicht mehr geben".
Ein Kind verändert alles, ob lebend, ob tot.
Ich habe das Gefühl, es braucht viel Zeit und Feingefühl, um einen
neuen Alltag zu entwickeln.
Das darf und soll doch auch so sein, oder!?

Ich finde absolut nicht, dass Du Dich da in irgendetwas reinsteigerst.
Elias' Tod ist auch erst 1 Monat und 5 Tage her.
Und es ist seither kein einziger Tag vergangen, an dem ich nicht total
traurig war, weil mir mein Kind so wahnsinnig fehlt.
Keiner merkt, was einer Mutter fehlt, wenn sie es nicht mit sich trägt.
Keiner merkt, dass man Mutter ist, wenn das Kind Tod ist.
Und doch ist man Mutter, mit der allertiefsten Liebe für sein Kind.

Ich denke, die Menschen, die von einem abverlangen oder erwarten,
dass man "einfach weiter machen" soll, können sich schlichtweg, trotz
Phantasie und vielen Gedanken, nicht mal richtig vorstellen, wie es
einer Mutter geht, wenn ihr geliebtes Kind stirbt.
Sag den Menschen, wie sehr Dir ihre Ratschläge und Kommentare weh tun.
Sag ihnen, dass Dich das verletzt, und Du Dich unwertschätzend behandelt
fühlst.
Ja, mach das, wenn Du es willst. - Ich finde toll, was Du geschrieben hast!
Oft meinen es die Leute um einen ja lieb, und reden Zeugs aus ihrer
eigenen Ohnmacht heraus, weil sie sich selbst so hilflos fühlen.
Trotzdem helfen diese Anstöße nicht, sondern können's wirklich
noch schlimmer machen, finde ich.


Der Weg ist richtig, Susanne!
Denn würden wir nicht trauern,
würden wir unsere Kinder, deren Leben und Tod verdrängen, und das wäre
WIRKLICH unwertschätzend ihnen und uns selbst gegenüber, finde ich.


Fühle Dich ganz fest von mir umarmt und bestärkt in Deinem Tun,

Isabella.
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Re: Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

Beitragvon Susanne75 » Dienstag 6. Oktober 2009, 16:37

Hallo Ihr Lieben,

vielen Dank für Eure verständnisvollen und einfühlsamen Worte. Sie haben mir so gut getan und auch gezeigt, daß ich mich nicht in meine Trauer reinsteigere, sondern daß meine Gefühle ganz normal sind. Ich denke, ich werde "Die Wünsche einer Mutter" wirklich an "meine" Leute verteilen. Ich werde Euch dann natürlich auf dem Laufenden halten, welche Reaktionen es darauf gab.

@Conni: Ich fände es sehr schön, wenn Du "Die Wünsche einer Mutter" auf die Muschel-Seite stellen würdest. Das kannst du natürlich auch unter meinem Namen machen. Danke schon mal. :)

Heute sind mit der Post endlich Nicolais Geburts- und Sterbeurkunden gekommen. Das ganze jetzt schwarz auf weiß zu sehen, war im ersten Moment sehr hart. Es hat mir nochmal deutlich gezeigt, daß alles real ist. Ich hatte nicht nur einen bösen Traum. Nicolai ist geboren und gestorben. Aber dann wurde mir auch klar, daß das ganze durch die Beurkundung einen offiziellen Charakter bekommt. Diese Erkenntnis hat mir irgendwie gut getan. Obwohl es ja eigentlich egal ist, was auf so einer Urkunde steht.
Ach, ich hab nur noch wirre Gedanken. Schrecklich.

Euch noch mal vielen Dank fürs Zuhören.

Liebe und leise Grüße
Eure Susanne
Susanne, mit Nicolai (*04.09.2009 +04.09.2009) und "Fünkchen" (das nur ganz kurz vorbeigeschaut hat und uns durch seinen Besuch Hoffnung schenkte) für immer im Herzen, Frank an meiner Seite und Laura endlich ganz fest auf dem Arm.
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Re: Ein Monat ist vorbei und so traurig und verzweifelt

Beitragvon Conni » Donnerstag 8. Oktober 2009, 07:33

Susanne75 hat geschrieben:@Conni: Ich fände es sehr schön, wenn Du "Die Wünsche einer Mutter" auf die Muschel-Seite stellen würdest. Das kannst du natürlich auch unter meinem Namen machen. Danke schon mal. :)


Liebe Susanne,

ich danke dir!

Liebe Grüße von Conni
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Die Wünsche einer Mutter - Re: Ein Monat ist vorbei ...

Beitragvon Conni » Samstag 21. November 2009, 16:08

Susanne75 hat geschrieben:@Conni: Ich fände es sehr schön, wenn Du "Die Wünsche einer Mutter" auf die Muschel-Seite stellen würdest. Das kannst du natürlich auch unter meinem Namen machen. Danke schon mal. :)


Liebe Susanne,

in den letzten Tagen habe ich viel an der neuen *Muschel*-Homepage gebaut.

Nun gibt es endlich auch deinen Text online:

Die Wünsche einer Mutter
http://www.die-muschel.de/wuensche-einer-mutter.html


Später wird die Seite über http://www.muschel.net/wuensche-einer-mutter.html abrufbar sein.

Wenn du Änderungswünsche hast (z. B. wegen der Formatierung des Textes oder wegen der Nennung deines Namens),
reicht eine E-Mail an mich.

Liebe Grüße von Conni
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